Passions-Lied


Passions-Lied

Schauet! mein Jesus ist Rosen zu gleichen,
Welche den Purpur mit Dornen umhüllen;
Seine Holdseligkeit trotzet den Sträuchen,
Welche die felder um Jericho füllen.
Sollen denn heilen die Wunden der Sünden,
Müssen uns einzig die Blätter verbinden.

Spiegel der Tugend! du zeigest die Farben,
Welche die Herzen zur Liebe verbinden;
Lilien und Rosen bezeichnen die Narben;
Hier ist die Liebe im Abriß zu finden.
Möchte ihr Strahl mich ein wenig berphren,
Würde ich hier schon den Himmel verspüren.

Deine leibreizenden Augen, o Taube!
Machen mich brünstig, dich innig zu lieben.  —  
Wer dich gekostet, herzlabende Taube!
Wird dich zu schmecken unendlich getrieben.
Was du vom Weinstock des Lebens wirst schenken,
Das will ich hinfort nur wirken und denken.

Schönster! wann kommst du ins`s Herz, in die Kammer,
Da ich die Früchte der Liebe genieße?
Länger zu warten, verdoppelt den Jammer;
Komme doch, eh ich vor Sehnsucht zerfließe!
Denn so ich`s ja soll in Wahrheit bekennen:
Liebe ist einzig mein Kranksein zu nennen!

Ewige Liebe! wär` ich Dir vermählet,
Sollte kein Dräuen der Hölle mich schrecken;
Denn wenn statt Lobens die Liebe beseelet,
Den mag der Abgrund des Zornes nicht decken.
Liebe verwandelt Zorn, Feinde und Leiden,
Alles in Freundschaft und süßeste Freuden!

Lasset`s die Töchter Jerusalems wissen,
Daß heut ihr König die Krone empfänget!
Selig, die frühe Ihn grüßen und küssen,
Eh` sich ihr Herz noch mit Eitelm vermengt!
Haut hat die Mutter dies Fest ihm erneuert,
Und sich den Töchtern zu zeigen vergönnet.

Ei ja! wie lieben dich jetzt die Seelen,
Welche dein Anblick zum Wunder entzückt!
Aller Welt Wollust ist ihnen ein Quälen,
Weil sie dich, Liebe, im Leben erblicket,
Laß sie die Rosen der Wunden gebrauchen,
Und als wie Bienen den Honig aussaugen!

Kreuz`ge ach Kreuz`ge, mein Herrscher, die Glieder,
Die an der Erde so gerne noch kleben!
Wecke den Nordwind zum Sturme dawider,
Daß Adams Kräfte sich schüttern und beben!
Beuge den Willen in kleine Hirthäuser,
Der gerne hoch trohnt, wie Kön`ge und Kaiser!

Siehe, dein Täublein bezieht nun die Wüsten,
Da sie der Menschen Gesetze nicht stören,
Da sie, befreiet von Furcht und von Lüsten,
Trachtet die Stimme des Bräutgams zu hören!
Hier sind die Schatten, wonach ich gestrebet,
Hier grünt die Liebe, die Alles belebet!

hier ist mein Jesus mir immer zur Seiten,
Drum will ich bleiben in seliger Stille.
Es wird die Hände sanft unter mich breiten,
Und mir bescheren Vergnügen die Fülle.
Schlafet, ihr Sinne,  —  das Herze soll wachen!
Weinet, ihr Augen, so kann der Geist lachen!

Jesu! du lässest Dich tröstlich verwunden,
Toten, Lieblosen das Leben zu geben!
Dafür verbleiben wir ewig verbunden.
Wirst du die Sinne zu Dir nur erheben,
Wollen wir gern mit Dir leiden und sterben,
Ruhen, erwachen, auffahren und erben!

Süßester Abba! ach, zeuch uns zum Sohne!
Nimm uns mit Banden der Liebe gefangen!
Da wir den Segen vom Vater empfangen!
Du, Geist des Lebens, dich in uns versenke;
Unser auf ewig am Besten gedenke!

Autor: Nikolaus Ludwig, Graf und Herr von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760)
Titel: Passions-Lied (1712 in Halle)
(Erstes Lied von Zinzendorf)


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