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Die schönsten Frühlings- und Ostergeschichten
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Ostern
von Anneli Klipphahn

Ostern

Keiner mag Paolo. Er ist frech zu seinen Klassenkameraden und sogar zu den Lehrern. Er beschimpft andere Kinder und tut ihnen weh. Er trägt kaputte Schuhe, seine Hosen sind schmutzig, manche haben Löcher.

Das war nicht immer so. Noch vor drei Jahren war alles anders.
Vor drei Jahren hatte Paolo noch Freunde. Wenn er von der Schule nach Hause kam, empfingen ihn die Großmutter und seine beiden kleinen Geschwister. Die Großmutter hatte ein leckeres Mittagessen gekocht und schaute nach ihm, wenn er seine Hausaufgaben erledigte. Am Nachmittag kam die Mutter von der Arbeit und am Abend der Vater.
Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Großmutter starb. Die Mutter bekam noch ein Baby und schaffte die Hausarbeit nicht. Früher hatte die Großmutter den Haushalt besorgt, jetzt musste die Mutter alles allein machen. Die Eltern fingen an, sich zu streiten. Dann kam der Vater oft sehr spät nach Hause. Eines Tages zog er aus. Die Mutter weinte viel und tröstete sich mit Alkohol. Wenn Paolo nach Hause kam, musste er sich selbst etwas zu essen nehmen. Das Baby schrie, die Geschwister zankten sich und Paolo traute sich nicht mehr, seine Freunde einzuladen. Zu Hause war es unordentlich und ungemütlich. Und weil er sich so schlecht fühlte, wurde Paolo unfreundlich und schlecht gelaunt. Er verlor einen Freund nach dem anderen. Um seiner Wut Luft zu machen, ärgerte er andere. Die anderen Kinder fürchteten sich vor ihm und gingen ihm aus dem Weg. Keiner ahnte, wie einsam er sich fühlte.

Bald ist Ostern. Paolos Klassenkameraden freuen sich darauf. Paolo freut sich nicht. Es wird für ihn ein Tag werden wie jeder andere. „Wir haben wenig Geld“, sagt die Mutter. „Das mit den Süßigkeiten zu Ostern ist Unsinn. Kinkerlitzchen für kleine Kinder. Wir brauchen unser Geld für das tägliche Brot. Du bist doch groß, du verstehst das doch?“, fragt sie und streicht ihm übers Haar. Paolo nickt. Die Mutter tut ihm leid. Sie ist so unglücklich.
Am Samstag geht die Mutter abends weg. Sie kommt erst am frühen Morgen zurück. Paolo erwacht und kann nicht mehr einschlafen. Er hat von der Großmutter geträumt. Er ist traurig, dass sie nicht mehr da ist. Er sehnt sich nach der Großmutter und nach der Zeit, da sie noch lebte. Leise steht Paolo auf und zieht sich an. Er schleicht sich ins Zimmer der Mutter. Die Mutter schläft fest. Paolo verlässt das Haus. Er geht zum Friedhof. Am Grab der Großmutter lässt er seinen Tränen freien Lauf.
Paolo weiß nicht, wie lange er hier schon gestanden hat. Plötzlich hört er Stimmen. Er schaut sich um. Vor der Tür der Kirche stehen Leute. Immer mehr kommen dazu. Auch Kinder sind dabei. Paolo wundert sich. Was mag da los sein? So früh am Morgen? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und in der Kirche ist es finster. Jetzt öffnet sich die Kirchentür und die Menschen gehen hinein. Paolo folgt ihnen in einigem Abstand. An der Tür bekommt jeder eine Kerze. Der Pastor sagt etwas, die Leute antworten. Jetzt wird eine Kerze nach der anderen angezündet und alle setzen sich hin.
Paolo verkriecht sich in die letzte Reihe. Hier fühlt er sich sicher und unbeobachtet, von hier aus kann er in Ruhe alles beobachten. Er versteht nicht alles, was gelesen und gesprochen wird. Er begreift aber, dass die Leute sich hier treffen, weil heute Ostern ist. „Ostersonntag, der Tag der Auferstehung Jesu.“, sagt der Pfarrer. „Der Sohn Gottes starb am Kreuz, weil er die Menschen liebte. Aber der Tod war nicht das Letzte. Am frühen Ostermorgen gingen drei Frauen zum Grab Jesu und fanden es leer. Gott schickte ihnen einen Engel. Der sagte zu ihnen: >Fürchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier!> Später begegnete ihnen Jesus selbst und auch seinen Jüngern zeigte er sich.“ Der Pfarrer weist immer wieder auf das große, bunte Fenster der Kirche hin. Paolo betrachtet es. Es zeigt die drei Frauen, den Engel und das leere Grab. Jetzt steigt draußen die Sonne auf und wirft ihre hellen Strahlen durch das Fenster. Es ist, als zöge mit dem Licht die Osterfreude in die Kirche ein. Die Gemeinde singt: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja, Halleluja!“
Zum Schluss lädt der Pfarrer zum Osterfrühstück ins Gemeindehaus ein. Paolo bleibt still in seiner Bank sitzen. Nachdem alle die Kirche verlassen haben, steht er auf und geht langsam nach vorn. Er schaut auf den Gekreuzigten und dann auf das Fenster. Was hatte der Pfarrer gesagt? Jesus hat das für alle getan? Aus Liebe, für alle? Paolo schüttelt den Kopf, denkt: „Aber für mich doch nicht, für mich bestimmt nicht.“
„Der Küster möchte abschließen.“, sagt plötzlich jemand hinter ihm. Paolo erschrickt und schaut sich um. Ein älterer Junge steht da. Paolo kennt ihn flüchtig, er heißt Thomas. „Kommst du mit zum Osterfrühstück?“, fragt der Junge.
„Ich?“, wundert sich Paolo.
„Ja, du. Alle sind eingeladen. Bitte komm mit. Ich hab keine Lust allein zu gehen.“
Sie…sie werden mich nicht haben wollen, …ich….“, stottert Paolo.
Ungeduldig unterbricht ihn Thomas: „Unsinn! Ich sagte doch schon, alle sind eingeladen. Komm mit, du bist doch kein Feigling, oder?
Ein Feigling will Paolo nicht sein und Hunger hat er auch, großen Hunger. Gemeinsam gehen sie zum Gemeindehaus. Paolo schlägt das Herz bis zum Hals. Thomas schiebt ihn durch die Tür. Paolo schaut sich um. Auch hier hängt ein Kreuz an der Wand. Viele Leute sitzen an Tischen, essen und unterhalten sich. Keiner achtet auf ihn, niemand schickt ihn weg. Noch andere Jugendliche sind da. Thomas kennt sie. Er geht mit Paolo zu ihrem Tisch. Sie begrüßen Paolo, als sei er einer von ihnen. Sie essen und schwatzen mit ihm. Langsam verliert Paolo seine Angst. So gut wie heute hat es ihm schon lange nicht mehr geschmeckt. Die Jugendlichen laden ihn ein wiederzukommen. „Sprecht ihr dann wieder über diesen Jesus?“, fragt Paolo. Thomas nickt: „Ja. Über Jesus und über Gott. Über alles, was in der Bibel steht.“
Paolo wird froh. Er schaut zum Kreuz. „Also ist es doch wahr“, denkt er. „Für alle ist Jesus gekommen, auch für mich.“


von Anneli Klipphahn, Religionslehrerin an einer Grundschule

mit freundlicher Erlaubnis von Anneli Klipphahn
Copyright © by Anneli Klipphahn
E-Mail: anneliklipphahn@web.de
gepostet von Anneli Klipphahn am 20.03.2008 17:26

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